Besprechung
Das Buch richtet sich an Frauen, die durch die Mutterschaft nicht das erhoffte Glück gefunden haben, sondern in einer Krise gelandet sind. Es ist auch lesenswert für das junge Paar, welches vor der Entscheidung zur Elternschaft zögert. Es ist in unserer Gesellschaft durchaus noch ein Tabu, fest zu stellen, dass eine "junge Mutter" nicht unbedingt glücklich, sanftmütig und zufrieden ist, sondern sich stattdessen sehr oft mit intensiven Ängsten und verzweifelter Wut auseinander setzen muss. Männer, die in ihrer Sozialisation ebenfalls nicht darauf vorbereitet worden sind, dass sie mit der geliebten Frau und jungen Mutter in einer Krise landen können, stehen den Gefühlsintensitäten, die hnen da entgegenschlagen, meist hilf- und verständnislos gegenüber. Wie lassen sich die Schwellensituationen von Ehe und Geburt so bewältigen, dass sich nicht von Anfang an ein Graben zwischen den Geschlechtern bildet?
Viele Menschen haben schon die Erfahrung gemacht, dass Ratschläge bei Ehekrisen meist nicht viel helfen. Helfen kann nur das Verstehen der Zusammenhänge von individueller Erfahrung, gesellschaftlicher Realität und der historischen Entwicklung unserer Kultur. Daher muss betont werden, dass dieses Buch kein Ratgeber ist. In dem Buch werden sowohl eigene Erfahrungen der Autorin aus der Rolle als Ehefrau und Mutter in erzählender Form als auch die Erfahrungen aus vielen therapeutischen Gesprächen als Dialoge wiedergegeben. Dies macht das Buch in einzigartiger Weise zu einer spannenden und anregenden Lektüre. Gleichzeitig ermöglicht es, der Therapeutin bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen und mitzuerleben, wie Therapie funktioniert.
Die Beispiele aus der Praxis sollen die Leserinnen unterstützen, sich ihrer angestauten Kränkungen und Ängste bewusster zu werden. Das Buch soll zum Dialog ermutigen, Tabus anzusprechen um sich von Scham-und Schuldgefühlen frei zu machen. Aus diesem Grund ist der Entstehung von Scham- und Schuldgefühlen ein besonderes Kapitel gewidmet. Scham- und Schuldgefühle spielen in vielen Beziehungen eine wichtige Rolle und blockieren offene Gespräche.
Die Autorin arbeitet nicht nur mit Gesprächen, sondern auch mit Rollenspielen nach der therapeutischen Methode des Psychodrama. Im Psychodrama werden äußere und innere Konflikte szenisch dargestellt, um sie bewusster zu machen, Konsequenzen für den Betroffenen erfahrbar zu machen sowie Lösungswege auszuprobieren. Das Buch gliedert sich in fünf Teile basierend auf dem Konzept der Rolle nach dem Verständnis der psychotherapeutischen Schule des Psychodramas nach J.L. Moreno, einem Zeitgenossen Sigmund Freuds. Moreno kann durchaus als Urvater der humanistischen Psychotherapie aufgefasst werden. In einem einleitenden Kapitel wird das Konzept der Rolle im Psychodrama klar und einleuchtend erklärt.
In jedem der fünf zentralen Kapitel werden die Rollenprägungen, Rollenerwartungen der Umwelt und Rollenerfahrungen aus den Rollen, die jede Frau auf ihrem Reifungsweg einnimmt, vorgestellt.
- Die Rolle der Tochter
- Die Rolle der Pubertierenden
- Die Rolle der Geliebten
- Die Rolle der Ehefrau und Partnerin
- Die Rolle der Mutter
Negative Selbstkonzepte haben eine lange Tradition. Die Auseinandersetzung mit Familientraditionen soll helfen, unbewusst übernommene negative Vorstellungen über die Beziehung zwischen den Geschlechtern zu durchschauen. Dieses Verständnis hilft, diese negativen Vorstellungen, oder auch Projektionen nicht unreflektiert in die aktuelle Beziehung zu übernehmen. Werden tradierte Vorstellungen unreflektiert übernommen, wird der Partner häufig durch eine verzerrte Brille wahrgenommen. Es kann auch sein, dass in der Partnerschaft Rollen eingenommen werden, die dem eigenen Rollenverständnis gar nicht entsprechen, sondern das Rollenkonzept der Eltern wiedergeben. Diese elterlichen Rollenkonzepte können in der aktuellen Beziehung die Begegnung mit dem Partner blockieren. Sie zu erkennen hilft, sich bewusst von ihnen lösen zu können.
Im Kapitel über die Rollenprägungen der Mutter wird die komplexe Dynamik aus den Entwicklungsstufen des Kindes in einen Zusammenhang gebracht mit den einengenden Erwartungen, die in unserer Gesellschaft an die junge Mutter herangetragen wird. Dies führt nicht selten zu Konflikten und Überforderungssituationen, weil die junge Mutter sich nicht mehr auf ihre Instinkte und ihren gesunden Menschenverstand verlässt, wenn sie sich kritiklos diesen Rollenerwartungen anpasst.
Das Buch geht auch offen und gradlinig auf die vielfältigen Auswirkungen für das sexuelle Erleben der Frau ein, die die typischen Rollenprägungen mit sich bringen. Warum so viele Frauen sich mit einer freien, orgastischen Sexualität schwer tun und warum in so vielen Ehen nach einigen Jahren die gemeinsame Sexualität still und leise entschwindet - in diesem Buch finden sich Antworten und Hinweise auf Lösungswege, die Mann und Frau gemeinsam und partnerschaftlich finden können. Dem Thema des Orgasmus der Frau und der Frage nach entspannter Sexualität ist ein entsprechend großer Raum gegeben worden.
Die Rolle der Tochter
Welche Botschaften bekommen Mädchen von ihren Müttern zu den Themen Männern, Liebe und Sexualität? Mütter, die es selbst nicht geschafft haben, autonom zu werden und ihre Weiblichkeit selbstbewusst vertreten, geben ihre Frustrationen unbewusst oder bewusst weiter. Sie ermutigen aus Angst ihre Töchter nicht, neue Wege zu gehen. Neid, Eifersuchtsgefühle oder Klammern an die Tochter können ebenfalls eine Rolle spielen. Das Kapitel soll für Verstrickungen zwischen Mutter und Tochter sensibilisieren. Anhand von Beispielen aus der Therapie werden individuelle Lösungswege vorgestellt.
Die Rolle der Pubertierenden
In diesem Kapitel geht es um das Erwachen der Sexualität und die ersten sexuellen Erfahrungen. Gibt es in unserer Kultur einen Schutzraum, in dem junge Menschen reifen können? Wie könnte die erste sexuelle Erfahrung in einem geschützten Rahmen sein? In diesem Kapitel geht es auch um die Verletzungen, die heranreifende Mädchen durch kontrollierende Väter oder übergriffige Menschen erleben. Es geht um die vielen kleinen Kränkungen, die junge Frauen im Reifungsprozess erleben, denen gegenüber sie sich unvorbereitet und ausgeliefert fühlen. Diese Kränkungen führen dazu, dass junge Frauen das Vertrauen zu ihrem Körper und zu ihrer Weiblichkeit nicht frei entwickeln können. In dieser Zeit können Verletzungen entstehen, die erst im Erwachsenenalter heilen.
Die Rolle der Geliebten
Das Kapitel soll Frauen mit einem negativem Selbstkonzept ermutigen, ihre Sexualität anzunehmen und als positive Kraft zu sehen. Frauen werden in ihrer Sozialisation auch heute viel mehr durch soziale Kontrolle und Anpassung geprägt als Männer. Die soziale Kontrolle führt dazu, dass Frauen, die Meinung anderer ausgesprochen wichtig ist. Anpassung und soziale Kontrolle verhindern, dass Frauen in der Liebe und in ihrer Sexualität ihrer Intuition folgen. Es fällt ihnen schwer, sich bedingungslos fallen zu lassen und ihre Lust frei fliessen zu lassen. Da der orgiastische Moment ein Moment der Auflösung und grosser Lustgefühle ist, ist es wichtig, frei von Angst zu sein und der Intuition wieder zu vertrauen, um ihn geniessen zu können. Das Kapitel soll ermutigen, in der sexuellen Begegnung im Bauch zu bleiben und die Wärme aus dem Becken zum Herzen fliessen zu lassen.
Die Rolle der Mutter
Die Geburt des ersten Kindes ist ein Wendepunkt im Leben von Mann und Frau. Die Herausforderungen im Zusammenleben mit einem Säugling, stundenlanges Weinen oder monatelanger Schlafmangel sind für das frische Elternpaar eine starke Belastungsprobe. Für viele Paare gibt es in der heutigen Kleinfamilie so gut wie keine Entlastung mehr. Das Kapitel soll die Schwierigkeiten und Fallstricke, die das Konzept der Kleinfamilie mit sich bringt, aufzeigen. Wichtig ist es, nicht um jeden Preis an Idealvorstellungen festzuhalten, sich in der Überforderung nicht vom Partner zu isolieren und den Mut zu haben, Enttäuschungen anzusprechen.
Die Rolle der Ehefrau und Partnerin
In einer langjährigen Bindung lassen sich Selbsttäuschungen und Illusionen über den Partner nicht aufrecht halten. Das Kapitel soll ermutigen, sich diese Täuschungen bewusst anzuschauen und in ihnen nicht das Ende, sondern einen neuen Anfang für die Beziehung zu sehen. Menschen sind individuell und in einer gesunden, lebendigen Partnerschaft kommt es zwangsweise zu Missverständnissen und Interessenkonflikten. Es ist wichtig, diese Entwicklungen nicht als Bedrohung der Partnerschaft zu sehen. Wenn es in einer Partnerschaft keine positive Streitkultur zur Lösung von Konflikten gibt, führen die unausgesprochenen und angestauten Gefühle zum sexuellen Rückzug.
Gottesfurcht und Scham
Da in der Paarbeziehung eine ähnliche Nähe entsteht wie in den Bindungen an die Bezugspersonen der Kindheit, kommen unverarbeitete Gefühle, Sehnsüchte und Erwartungen aus der Kindheit im Kontakt mit dem Partner wieder hoch. In dem Kapitel werden die Auswirkungen einer strafenden, moralisch wertenden Erziehung auf die Liebesfähigkeit und Bindungsfähigkeit aufgezeigt. Zwei- bis vierjährige benötigen für eine gesunde, ganzheitliche Entwicklung, wenn sie ihren Körper und ihr Geschlecht lustvoll entdecken, einen geschützen Raum und das Vertrauen ihrer Eltern. Viele Menschen erleben in dieser Entwicklungsphase die ersten Einschränkungen und Abwertungen. Sie haben dann später Schwierigkeiten, bedingungslos zu lieben und lustvoll zu sein. Weil sie sich der Macht ihrer Eltern gefügt haben, versuchen sie später ihre Partner ebenfalls zu kontollieren und zu beherrschen. Das Kapitel macht deutlich, dass diese Verletzungen nicht durch den Partner heilen können. Das verletzte Kind in uns sehnt sich nach Heilung. Es ist aber wichtig, dass sich der betroffenen Erwachsene selbst mit diesen Kränkungen bewusst beschäftigt und für sich Heilungswege entwickelt. Erst dann kann er seinem Partner bedingungslos begegnen.
Die Rolle des Egos
In einem weiteren Kapitel werden zwei weitverbreitete Beziehungsmuster vorgestellt, in denen das Thema des Egos eine Rolle spielt. Der Mann, der sich in der Rolle des Retters bestätigt fühlt. Die Frau, die glaubt, durch ihre Liebe alles heilen zu können. Wer sein Ego zurückstellen kann, kann bedingungslos lieben. Abhängigkeiten spielen in Beziehungen mit einem ungelösten Egothema eine wichtige Rolle. Der Partner oder die Partnerin werden gewählt, um ein unsicheres oder gekränktes Selbstwertgefühl zu bestärken. Das Gefühl, gebraucht zu werden, gibt ein Gefühl von Sicherheit und nährt das Ego. Autonomiewünsche des Partners oder der Partnerin dürfen nicht zugelassen werden, weil sie Angst vor Verlust oder Versagen auslösen. Erst wenn uns bewusst wird, dass wir einen Menschen in erster Linie gewählt haben, um unser Ich zu bestätigen, können wir uns verändern, Platz lassen und gemeinsam reifen.