Leseprobe aus dem Kapitel
Angst und Sehnsucht

Irene sagte einmal:

"Ist das nicht verrückt ? Ich habe mich gestern noch mit einer Freundin darüber unterhalten. Wir haben doch jetzt beide echt faire Männer. Sie prügeln uns nicht, sie haben genug Geld, sie versorgen uns, aber wir finden sie sexuell nicht attraktiv. Dabei sehen sie gut aus, es gibt keinen realen Grund, sie im Bett zurückzuweisen. Ich liebe meinen Mann, aber sexuell fühle ich mich wie abgestorben. Wenn ich an meine vorherige Beziehung denke, der Mann ist fremd gegangen. Der war unzuverlässig und konnte im Streit schon mal zulangen, aber der Sex mit ihm war in Ordnung. Wieso können wir mit den Kerlen, die gut zu uns sind, nicht schlafen?"

Ich sagte zur ihr:

Ganz einfach, Irene, weil du nicht bereit bist, eine neue Erfahrung zu machen. Weil du Angst hast, deine Liebe in die sexuelle Begegnung hineinzubringen, denn dann würdest du Gefühle entdecken, die sehr bedrohlich und erschreckend sein könnten. Es ist Schutz, reiner Selbstschutz diese Gefühle zu vermeiden. Wenn es dir gelingen würde, deinen Mann auch noch zu begehren, würde eine neue Dimension in dein Leben kommen, du würdest dich für die Liebe entscheiden und ein Stück Kontrolle abgeben. Bist du bereit, diese Verantwortung zu nehmen und dich ganz zu öffnen oder ist die Angst vor dem unberechenbaren zu groß? In deiner vorherigen Beziehung ging es um Macht und Kontrolle. Diese Spiele sind dir vertraut. Dieser Mann hat deine Gefühle für ihn ausgenutzt und dich respektlos behandelt, aber in der Sexualität war er von dir abhängig, da hattest du die Kontrolle über ihn. Du konntest ihn verachten und abwerten dafür, dass er deinen Körper begehrte. Das kann ein richtiger Kick sein für das eigene Ego, eine Rache für die Demütigungen so viel Macht über einen Mann zu haben."

Es ist, als würde man einem quengeligen Kind endlich sein Bonbon geben, in dem Bewusstsein von Stärke und Überlegenheit, denn das Kind hat keinen Zugriff auf die Bonbondose. Es sind Machtspiele, die durchaus ihren Wert und ihre Berechtigung haben, die natürlich, in einer Welt, in der Frauen häufig Ohnmacht erleben, eine weibliche Überlebensstrategie sind.

Diese Spiele helfen, in bestimmten Beziehungskonstellationen nicht unterzugehen, aber sie haben nichts mit der Liebe zu tun. Vielen Frauen geht es wie Irene. Sie sind verunsichert, wenn ein Mann romantisch und gefühlvoll ist. Sie können sich in der sexuellen Begegnung nicht öffnen, aus Angst vor erneuter Abwertung oder Ablehnung. Sie bleiben in der Spaltung, indem sie ihrem Mann gegenüber zwar zärtlich sind, ihn aber nicht begehren dürfen. Sie haben Sorge dann zuviel Preis zu geben.