Leseprobe aus dem Kapitel
Mutter - Der Einfluss der Umstände
Desillusionierungen
Zu meiner Ehe hatte ich ein gutes Gefühl. Ich glaubte, als ich schwanger war, dass unsere Elternschaft problemlos sein würde. Die Illusionen über Partnerschaft hatte ich erfolgreich verabschiedet. Ich wurde durch die Geburt meines Sohnes mit meinen Illusionen über Mutterschaft so stark konfrontiert, dass ich in meiner neuen Rolle völlig überfordert war. Unsere Lebenssituation als Eltern war vollkommen anders, als wir es erwartet hatten. Unsere Lebensrealität stimmte in keinster Weise mit dem überein, was mir Mütter über das Leben mit einem Säugling berichtet hatten.
Ich hatte Sätze im Ohr wie: "In den ersten Wochen nach der Geburt schlafen Babys fast nur. Du wirst es genießen zu Hause zu sein." In den ersten Wochen nach der Geburt schrie mein Baby nur, es sei denn es trank an der Brust oder wurde im Tragetuch getragen. Ich genoss das Zuhause sein nicht, weil ich mein Gefühl der Ohnmacht im Kontakt mit meinem unzufriedenen Kind nicht aushalten konnte. Zumal mir meine Umwelt das Gefühl vermittelte, dass nur ich es bin, die fähig ist, das schreiende Kind zu beruhigen. Da es mir nicht gelang, musste ich etwas falsch machen.
Vor der Geburt war ich eine fitte Schwangere, ich hatte kaum Beschwerden und habe bis zum Mutterschutz gearbeitet. Ich kannte mich als energische Frau, die Probleme lösen kann. Nach der Geburt war ich gereizt und kränkbar, weinte viel und war über mein schreiendes Kind, dem ich nicht helfen konnte, unglücklich. Ich erlebte Zustände von Schwäche und Erschöpfung, die ich noch nicht kannte.
Meine Mutterschaft empfand ich traumatisch. Ich wurde aus meinen romantischen Vorstellungen über die ideale Mutter sehr hart auf den Boden der Realität geholt. Ich hatte kurz vor der Entbindung einen wunderschönen Bademantel gekauft, außen war ein seidenartiger Stoff mit orientalischem Muster, er war dunkelviolett mit Ornamenten in Gold, an den Ärmeln waren Zierleisten aus Brokat, innen flauschiges Frottee. Ich kaufte diesen Mantel mit der Idee, meine Auszeit aus dem Berufsalltag und "mein friedlich schlafendes Baby" zu genießen. Ich hatte die Vision einer glücklichen Mutter mit zufriedenem Baby am Busen, auf dem Sofa sitzend bei einer Tasse Tee. Tja und dann kam alles ganz anders. Mein Bademantel hängt noch heute im Badezimmer schön und dekorativ und wartet auf seine Zeit.