Rezension bei
"De processibus matrimonialibus"

De processibus matrimonialibus (DPM) Band 13 (2006)
ISBN 978-3-631-56718-0
(Fachzeitschrift für Kirchenrecht) Seite 490 - 492

Paffrath, Anette: Ehe und Mutterschaft in der Krise – Warum Liebe Mut erfordert.
Köln: Innenwelt Verlag 2005 219 S., ISBN 3-936360-14-6

Ein sehr persönliches Buch – kein wissenschaftliches Buch über therapeutische Ansätze zur Bearbeitung bestimmter Störungen" (S. 6). Anette Paffrath erzählt und reflektiert ausführlich ihre Lebenserfahrungen als Frau und Mutter und in ausgewählten Ausschnitten ihre Erfahrungen mit Frauen und Müttern, mit denen sie psychotherapeutisch gearbeitet hat.

Auch wenn das Buch kein wissenschaftliches Buch ist, so äußert sich in ihr dennoch die Lebensphilosophie der Autorin.

Am Anfang des Buches gibt Anette Paffrath Auskunft über ihren Hintergrund, Sie definiert sich als "humanistische Psychologin".

Die humanistische Psychologin glaubt wie J. J. Rousseau, der Mensch sei von Natur aus gut. Er muss sich zwar von Einflüssen durch die Umwelt, vor allem durch die Erziehung, befreien, aber diese Einflüsse sind eben äußere Einflüsse, die dem Selbst von außen auferlegt sind. An sich besitzt das Selbst alles Nötige, um sich selbst zu verwirklichen.

Diese Annahmen der humanistischen Psychologie schimmern im Erzählten und in den Ratschlägen, die Anette Paffrath gibt, immer wieder durch:

"Das Auftreten von körperlichen und seelischen Erkrankungen [ist ein] Ausdruck [dafür], dass der Mensch nicht in Harmonie mit seinem Inneren ist (S. 11).
"Vertrau deiner inneren Kraft. Du spürst es selbst, was richtig ist Du merkst es, wenn du etwas ändern möchtest" (S. 133).
"Irgendwann siegt die Erziehung und Frauen vertrauen nicht mehr darauf, wehrhaft zu sein... Sie müssen etwas biologisch Sinnvolles unterdrücken, das früher zu ihrem Überleben nötig war" (S. 195).

Diese Lebensphilosophie spricht auch aus der Gliederung des Buches. Grundlegend ist die Annahme, der Mensch übernehme im Laufe seines Lebens unterschiedliche Rollen. Die von Jacob L. Moreno entwickelte Psychodramatheorie steht dabei Pate. Rollen sind von der Gesellschaft vorgegeben, sie werden von anderen vorgelebt, mit ihnen sind Erwartungen der Umwelt an das Selbst verbunden. die es erfüllen soll.

Die einzelnen Kapitel haben Rollen als Überschrift, die eine Frau im Laufe ihres Lebens spielt: die Tochter, die Pubertierende, die Geliebte, die Mutter, die Ehefrau und Partnerin, ein Elternteil. Die Untertitel der Überschriften suggerieren unterschiedliche Einflüsse: durch die Ursprungsfamilie, durch die Gesellschaft, durch Werthaltungen und Begegnungen, durch die Umstände, durch das andere Geschlecht, durch die Kinder.

Das Problem besteht darin, dass Frauen solche Rollen übernehmen, anstatt sich von ihrer Kreativität und Spontanität leiten zu lassen. "Viele junge Mädchen übernehmen letztendlich doch das Rollenmodell ihrer Mütter, weil sie keine an-dere Perspektive sehen, die ihnen Orientierung gibt" (S. 62).
"Unausgesprochene Rollenbilder über den anderen und sich selbst blockieren die eigene Kreativi-tätund Spontanität" (S. 94).

Zu solchen blockierenden äußeren Einflüssen gehört für Anette Paffrath auch die "konventionelle Ehe". Sie sei offen für Machtspiele. "Ist das Machtgefälle zwischen zwei Menschen sehr groß, dann ist die Verführung groß, den abhängigen Menschen zu benutzen, um die eigene Macht zu spüren... Das ist leider eine Schwierigkeit, die sich in der konventionellen Ehe aufgrund der ökonomischen Abhängigkeit der Frau vom Mann schnell entwickeln kann" (S. 113). Anette Paffrath bedauert, dass "viele Jugendliche wieder auf die traditionellen Werte einer Ehe setzen" (S. 96). Sie wünscht sich "einen Schritt nach vorn" (S. 96). Dabei denkt sie an "die Lebensform der archaischen Sippe mit Gruppenehe", in der "die Konflikte, die die heutige Kleinfamilie mit sich bringt, nicht vorkamen" (S. 129). Das Grundproblem besteht darin, dass sich die Partner "gegenseitig zu Objekten machen" (S. 152).

Das Buch will das Selbstbewusstsein von Frauen stärken. Und doch ist es anders als nur ein weiteres "Frauenbuch" – es ist, wenn schon kein leidenschaftliches Plädoyer für die traditionelle Ehe, so doch für Mutterschaft.

Anette Paffrath reiht sich nicht in die Schar der Befürworterinnen einer "Frauenquote" ein, sie fordert eine "Mütterquote". "Die so genannte Gleichstellung zwischen Männern und Frauen gibt es in der Realität nicht. Singlefrauen, eventuell noch Frauen mit einem Kind, sind Männern und Familienvätern gleichgestellt" (S. 171). Ein weiteres Klischee wird von ihr nicht bedient. Für katholische Theologen und Seelsorger vielleicht auf dem Hintergrund des bisher Dargestellten überraschend, spricht sie sich gegen künstliche Empfängnisverhütung aus. "Wenn die Pille selbst zum Zwang wird, sollte die Frau zu alternativen Verhütungsmethoden greifen" (S. 104). Dabei denkt sie jedoch nicht nur wie die katholische Kirche an natürliche Verhütungsmethoden – die sie allerdings als erste empfiehlt –, sondern auch an Kondome und Sterilisation.

Interessant wird es an den Stellen, an denen Anette Paffrath Einsichten mitteilt, die weniger auf dem optimistischen Menschenbild des Humanismus beruhen, als auf der Begegnung mit der realen und eben längst nicht immer idealen Wirklichkeit. "Da Traumfrauen und Traummänner im Land der Träume leben, bleiben sie Illusion. In der Regel begegnen sie uns nicht in der Wirklichkeit" (S. 42). "[Auch] mit dem richtigen Partner [ist das Leben] kein rosaroter, grenzenlos paradiesischer Zustand" (S. 70). Frustrationen gehören offensichtlich zum Leben dazu. "Die Kunst besteht darin, den Partner für Frustrationen des Alltags nicht verantwortlich zu machen, zu beschuldigen oder gar zu bestrafen" (S. 115 f.).

Am Ende stellt sich die Frage, ob das Buch ein Buch für Frauen oder Männer ist. Der Klappentext bezeichnet es als Buch für Frauen und er setzt nur vorsichtig in Klammem ein "und Männer" dazu. Und tatsächlich werden Frauen im Buch immer wieder direkt angesprochen. Ihr Selbstbewusstsein soll gestärkt werden. Doch kann das Stärken des Selbstbewusstseins der Frauen – wenn es wirklich um Ehe und Mutterschaft gehen soll – kein Selbstzweck sein. Wer weiß, vielleicht ist es da doch besser, das andere Geschlecht kennen- und verstehen zu lernen: Dann ist das Buch aber ein interessantes Buch für Männer.

Markus Wasserfuhr, Mettmann